Massive Kostensteigerungen: Zeitenwende im Textilservice

Deutschland erlebt derzeit auf breiter Front Kostensteigerungen, die jenseits langjähriger Erfahrungen liegen. Fast dreißig Jahre, von 1993 bis 2020 bewegten sich die Verbraucherpreise in Deutschland um eine Inflationsrate von ca. zwei Prozent herum. Einer ganzen Generation fehlt damit die Erfahrung des Wirtschaftens in inflationärer Umgebung. Dies ist vorbei. Der Kostenindex für den Textilservice ist 2022 in den ersten sechs Monaten von 115 auf 127 Punkte gestiegen. Für einen solchen Sprung hat der Index zuvor acht Jahre (2012- 2020) benötigt.

Standardverträge des Textilservice zu fixierten Preisen geraten aktuell unter Druck, weil die Textilserviceunternehmen die vertraglichen Leistungen zu den vereinbarten Konditionen nur mit zum Teil erheblichen Verlusten erbringen können. Unterjährige Preisanpassungen sind im inflationären Umfeld unumgänglich. Dabei sind Preiserhöhungen aktuell auch bei Vertragssituationen notwendig, die das eigentlich gar nicht vorsehen. Damit wird es auf ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Lieferanten und Kunden ankommen, um die teilweise disruptiven Preissteigerungen zu verarbeiten.

Kostensteigerungen auf breiter Front

Schärfster Treiber der Kostenentwicklung waren die Energiepreise, insbesondere die Öl- und Gaspreise, die im 1. Halbjahr um 89 bzw. 49 Prozent angestiegen sind. Die Einfuhrpreise für Gas sind im Zeitraum seit Juni 2021 mit 223 Prozent noch weitaus dramatischer gestiegen, werden aber erst mit zeitlicher Verzögerung an die Abnehmer weitergegeben. Für die kommenden Monate ist daher mit weiter steigenden Energiekosten zu rechnen.

Auch die Kostensteigerung bei den Textilien liegt weit über den Werten der Vergangenheit. Im ersten Halbjahr 2022 stieg der Teilindex für Berufsbekleidung, Flachwäsche und andere Textilien im Textilservice von 112 auf 120 Indexpunkte. Die Kosten der Waschchemie stiegen um 25,8 Prozent, Reinvestitionen sind um 21,8 Prozent in sechs Monaten teurer geworden. Die Branche befindet sich in einem ausgeprägten inflationären Umfeld, welches sich auch selbst verstärkt.

*vor 2015 nur eingeschränkt vergleichbar, weil inländische Erzeugerpreise einen neuen Warenkorb seit 2015 haben

** ohne Kraftstoff

Die wesentlichen Gründe für die derzeitigen Inflationsraten sind:

  • die politische Instrumentalisierung der Energieversorgung durch Russland
  • die Energiewende, weil fossile Energieträger unattraktiv gemacht werden und auf Kernenergie verzichtet wird
  • die durch Corona und den Ukraine-Krieg unterbrochenen Lieferketten, die in weiten Teilen umstrukturiert werden müssen, um die Lieferrisiken zu vermindern
  • verringerte Transportkapazitäten, die im Auslauf der Coronakrise nicht schnell genug wieder hochgefahren werden können
  • Personalmangel aufgrund der Verluste von Mitarbeitern während der Pandemie
  • der Mangel an Arbeitskräften, welcher sich aus dem Eintritt der „Babyboomer“ in das Rentenalter ergibt.

Kostenfaktor Personal noch gar nicht eingepreist

Der angespannte Arbeitsmarkt ist im aktuellen Kostenindex für den Textilservice noch kaum zu erkennen. Grund dafür ist, dass bei den Personalkosten auf die Tarife von intex und TATEX zurückgegriffen wird. Die Dynamik der Tarife spiegelt nicht die Entwicklung der realen Arbeitskosten wider, weil es intex gelang, einen mehrjährigen Tarifvertrag noch vor dem Anziehen der Geldentwertung abzuschließen und weil die TATEX eine nächste Stufe der Arbeitgeberempfehlung erst zum Jahreswechsel 2022/23 ausgesprochen hat. Aus diesem Grund bleiben die Personalkosten im 1. Halbjahr entsprechend der Konstruktion des DTV-Kostenindex konstant. Hier zeigen sich durch die Dynamik der Entwicklung am Arbeitsmarkt Konstruktionsdefizite.

Die außerplanmäßige Mindestlohnerhöhung im Oktober 2022 lässt zudem erwarten, dass sich das gesamte Lohngefüge nach oben verschieben wird. Angesichts eines Personalkostenanteils von 45 Prozent wird sich das massiv auf den Kostenindex auswirken.

Inflationsniveau wird weiter hoch bleiben

Mittel- bis langfristig muss damit gerechnet werden, dass die Geldentwertung zumindest auf absehbare Zeit nicht wieder auf das „normale“ Niveau von zwei Prozent zurückgeführt werden kann. Dafür gibt es im Wesentlichen folgende Gründe:

  • die Energiepreise werden weiter hochgehalten, bis die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien weit fortgeschritten ist
  • die Anspannung am Arbeitsmarkt wird selbst bei bescheidenen positiven Wachstumsraten langfristig hoch bleiben, weil die „Babyboomer“ gerade erst anfangen, in Rente zu gehen. Jährlich werden weit mehr erfahrene Arbeitskräfte aus der Beschäftigung herausgehen als neue hineinwachsen. Das geht noch ca. zehn Jahre so, es sei denn Deutschland macht eine Einwanderungspolitik möglich, welche den demographischen Abfluss von Arbeitskräften kompensiert.
  • die europäische Geldpolitik hat sich faktisch nicht nur der Kontrolle der Inflation gewidmet, sondern auch der Erleichterung der Staatsschuldenproblematik für hoch verschuldete Länder der Eurozone. Dies ist ein Zielkonflikt, der keine Zins- und Geldmengenpolitik zur ausschließlichen Kontrolle der Geldentwertung möglich macht. Solange die Konjunktur einigermaßen läuft, wird die EZB Inflationsraten jenseits der avisierten zwei Prozent tolerieren.

Die Branche wird daher lernen müssen, mit einer höheren Geldentwertung bei „normaler“ Konjunktur umzugehen, als darauf zu bauen, dass kurz- oder mittelfristig die Zeiten zurückkommen, in denen Kostensteigerungen durch Produktivitätsfortschritt gut kompensiert werden können.

Fundierte Datengrundlage

Der Kostenindex für den Textilservice beruht auf den Daten der öffentlich zugänglichen Statistiken des Bundesamtes für Statistik und der Tarifverträge, die in der Textilservicebranche abgeschlossen werden. Für die einzelnen Kostengruppen wurden Indikatoren definiert, die überwiegend den langen Reihen der Fachserie 17, Reihe 2, von Destatis entnommen sind. Auf diese Weise können Textilservice-Kunden neutral und auf transparenter Datenbasis die Kostenentwicklungen im Textilservice nachvollziehen.

Anmerkung: Das Bundesamt für Statistik hat die von uns verwendeten Preisindices auf das Jahr 2015 umbasiert, sodass die Graphen und Tabellen unseres Branchenindex ebenfalls 2015 als Basis haben. Außerdem hat das statistische Bundesamt den Warenkorb für die inländisch produzierte Berufsbekleidung mit Stichjahr 2015 reduziert. Die Preisindices für Flachwäsche und für Importware blieben davon unberührt. Gleichwohl ist der Kostenindex für Textilien vor 2015 deshalb nur eingeschränkt mit dem Textilkostenindex ab 2015 vergleichbar.

Download

Den aktuellen Kostenindex für den Textilservice in Deutschland können Sie hier herunterladen: Kostenindex Mitte 2022